Glück und Pech

Meinen letzten maßigen Fisch aus einem Vereinsgewässer habe ich 2003 gefangen. Und wie man so hört, geht es vielen Angelfreunden ebenso. Liegt es also einfach am berüchtigten “Anglerglück”? Nun, wenn dem so wäre, würde diese Erscheinung ja nicht um sich greifen wie eine Seuche. Besonders betroffen scheint mir die Friedfisch-Angelei zu sein. In 2006 bin ich deshalb aus dem Anglerverband DAV mit seinen “fischlosen” Teichen ausgetreten. Statt dessen entschloss ich mich dazu, mein “Glück” verstärkt an privatwirtschaftlich betriebenen Teichanlagen zu suchen. So manch Vereinsfunktionär wird dagegen wohl den ergrauten Kopf hin- und herwiegen, auf die wie jedes Jahr hervorragenden Fangstatistiken verweisen und die schlechten Ergebnisse auf “Pech” und mangelhaftes handwerkliches Geschick zurückführen. Doch könnte die wahre Ursache des Problem genau in diesen Fangstatistiken liegen.

Seit der Zeitenwende 1989 hat sich auch im Ostteil Deutschlands herumgesprochen, dass der Hauptzweck von Firmen, Verbänden und Vereinen neben der Gewinnmaximierung vor allem in einer zwanghaften Verringerung von Eigenkostenanteilen zu bestehen hat. Auch Anglerverbände folgen dieser Maxime und sparen sich dabei offenbar selbst kaputt. Ihre Strategie besteht darin, nur so viel Besatz in ihre Pachtgewässer einbringen, wie an Hand der Vorjahres-Fangstatistik entnommen wurde. Diese Statistik erfasst all jene Zahlen, die von den Vereinsmitgliedern in ihre Fangbücher eingetragen werden müssen.

Um in “seinem” Teich einen möglichst hohen Besatz mit entsprechend hoher Fangquote zu erreichen, machen viele Angler nun leider einen fatalen Fehler. Sie frisieren die Fangbücher nach oben! Das heißt, auch wenn sie an einem ganzen Wochenende rein gar nichts gefangen haben, tragen diese Helden dennoch Fisch um Fisch als “entnommen” ein. Verbunden mit der Hoffnung, dass im nächsten Jahr auch entsprechend viel neubesetzt wird. Doch genau das wird nicht eintreten, denn es entsteht ein völlig schiefes Verhältnis zwischen eingebrachter Fischmenge und Fangquote. Viel wahrscheinlicher ist folgendes Szenario:

In der Vereinszeitschrift beschreibt ein Artikel, dass das Gewässer “XY” sehr ertragreich ist, weil von den beispielsweise 500 Setzlingen (sagen wir mal 3-jährige Karpfen) immerhin 100 pro Jahr wieder entnommen werden konnten. Und die Vereinsobermeier werden nun auf ihren zahlreichen Sitzungen feststellen: Also liebe Leute, wenn wir dieses tolle Entnahmeniveau halten wollen, brauchen wir ja jedes Jahr weiterhin nur 500 “K 3”-Portionen einsetzen. Toll! Viel Fisch für wenig Geld. - Ein fataler Fehlschluss, denn tatsächlich wurden ja in der rauhen Wirklichkeit vielleicht nur 20 Karpfen gefangen. Und um den Mitgliedern 100 echte fangfähige Fische zur Verfügung stellen zu können, bräuchte man wohl in Wahrheit eher den fünffachen Besatz, im Beispiel also rund 2.500 Setzlinge. Doch genau das passiert eben nicht, weil alle Welt verbogenen Statistiken glaubt. Die Folgen dieses Tun’s beginnen schleichend, werden aber augenscheinlich mit jedem Jahr gravierender. Die Vereinsführung scheint jedenfalls entweder von der Praxis Lichtjahre weit entfernt oder einfach gleichgültig zu sein.

Ein ganz anderes Problem ist das ungezügelte Leerfischen von Zeitgenossen, die nichts auf Angelberechtigungen oder festgelegte Fangquoten geben. Auffallend oft sprechen sie nur kümmerliches deutsch. Sie fallen mitsamt ihren Großfamilien über frischbesetzte Teiche her und innerhalb von nur drei Tagen sind diese so gut wie leer. Hier im Dresdner Raum kann man dieses Phänomen jedes Jahr live beobachten, beispielsweise an der Kiesgrube Sporbitz. Da kommen verbotene Aalschnüre zum Einsatz. Und alles, was länger als eine Handspanne ist, in den Kochtopf. Ganz so wie daheim eben. Die Polizei fährt gar nicht erst hin. Es gibt wichtigeres, als sich wegen ein paar dummen Fischen oder Anglern Ärger mit on den muskelbepackten und zugedröhnten Söhnen der Raubfischer einzuhandeln. Auch das habe ich übrigens im Jahre 2005 am eigenen Leibe erleben dürfen, am Spremberger Staubecken. Geschätzte zwanzig Personen waren mit viel Lärm, großen Autos sowie Kind und Kegel angereist. Und nachdem das erste Großfeuer angeworfen und der erste Kasten Billigbier aufgebraucht waren, gab es kein Halten mehr. Als dann noch einer am Sonntagvormittag anfing, mit Seewasser und Autoshampoo sein Auto zu waschen, hatte ich die Pozilei angerufen. Aber sofort einschreiten? Ach wo! Na ja, es ging eben nicht um eine Bank oder ein Großunternehmen...

Aber auch bei einigen privaten oder von Vereine geführten Teichwirtschaften kann der Schein trügen. Eines schönen Tages 
saßen wir einmal an einem privat geführten Zuchtteich in der Nähe von Bautzen. Wir und zahlreiche andere Angler, die sich früh am Morgen rund um das Gewässer postiert hatten. Die einzigen die jedoch etwas fingen, waren ein paar eingeborene Forellenangler. Sie standen seit drei Uhr mit ihren knallroten Spezialteigen (dieser kaugummieartigen Masse mit Nervengift und Glittereffekt) an der idealen Frischwasser-Strömungszone und zogen innerhalb einer Stunde teilweise zehn Fische und mehr aus dem Teich. Alle anderen rundherum, die Grund- und Posenangler, fingen bis auf einen untermaßigen Hecht rein gar nichts. Der Pächter hatte natürlich leicht reden. Ihm zufolge tummelten sich in seinem Teiche Karpfen, Zander, Schleien und weiß der Teufel noch was. - Aber in welcher Menge und auf welches Futter trainiert (Mastgetreide?) lies er unerwähnt.

Leider ist die heiß ersehnte Wasserdurchblicksbrille noch nicht erfunden. Ein Echolot kommt dem zwar schon recht nahe. Aber auf den bootslosen Zuchtteichen kann man so etwas ja schlecht einsetzen. Nun kann man ja ein einziges fischloses Wochenende nicht gleich verallgemeinern. Aber etwa ein Jahr später geschah das Gleiche. Wieder saßen etwa zwanzig Angler an dem gleichen Teich. Wieder kutschte der Pächter am frühen Morgen gemütlich mit seinem Pick-Up von Einem zum Nächsten und kassierte zehn Euro pro Rute... Doch, Zufall oder nicht, wieder fing von insgesamt zwanzig Leuten nicht einer auch nur irgend etwas! Nicht einmal einen “Zupfer” oder ein Fehlbiss gab es. Trotz unterschiedlichster Fangmethoden von Forelle über Karpfen oder Raubfisch inklusive Blinkern. Der Teich war entweder hoffnungslos überfüttert - oder leer.

Die meiner Ansicht nach ehrlichste Geschäftsidee gibt es offenbar an einigen privat geführten Angelgewässern, wo pro Rute und Tag nur drei Euro bezahlt werden. Erst wenn man etwas fängt , wird das Fanggewicht nachberechnet. Der Logik nach müssten diese Unternehmer also ein großes Interesse an ausreichendem und fangfähigen Besatz haben. Hoffentlich gehört diesem Geschäftsmodell die Zukunft . - Obwohl, so neu ist diese Idee nicht. In Skandinavien wird sie an den Binnengewässern bereits seit langem praktiziert. Nur mit naturnaher Gewässerpflege hat dieses Geschäft dann rein gar nichts mehr zu tun...